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19. November 2021

Die Zukunft des Büros.
Erkenntnisse aus einem Jahr Webforum.

Podiumsdiskussion.
Live aus dem MLD Filmstudio, Leonberg.

Die neue Arbeitswelt ändert nicht nur den Ort. Sie erfordert neue Unternehmen.

Die Veränderung unserer Arbeitswelt ist weitaus tiefgreifender als die bloße Neuorganisation von Büroflächen und mobilem Arbeiten. Wer bei Innovationsfähigkeit, Produktivität und Mitarbeitermotivation konkurrenzfähig bleiben will, muss sein Unternehmen auf allen Ebenen neu aufstellen.

Diese übereinstimmende Erkenntnis stand am Ende eines bemerkenswerten Dialoges unter den Experten des Webforum Hybridoffice, die sich zur Live-Podiumsdiskussion unter der Überschrift »Die Zukunft des Büros« in Leonberg bei Stuttgart zusammengefunden hatten. Dabei hatte Initiator Christoph Hegger einen Teilnehmerkreis eingeladen, der höchst unterschiedliche Perspektiven einbrachte.

Alle Referenten des letzten Webforums Hybridoffice, live im mld Studio

Die Teilnehmer des Webforum Hybridoffice im mld Studio, Leonberg. Von links nach rechts: Christian Straub, Prof. Florian Kunze, Moderator Christoph Hegger, Gabriele Church, Fabian Kehle und Richard Weller.

Die akademische Forschung war mit Prof. Dr. Florian Kunze vom Lehrstuhl für Organisational Studies an der Universität Konstanz vertreten. Er verantwortet seit März 2020 die größte Homeoffice-Studie Deutschlands auf Basis einer dauerhaft angelegten Umfrage. Ihm gegenüber saß mit Fabian Kehle ein unternehmerischer Praktiker. Als Geschäftsführer der Matthias Meidlinger Gruppe in Brackenheim, hat er die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter mit denen eines produzierenden Hightech-Betriebes zu vereinbaren.

Er verwies auf den Umstand, dass eine extensive Homeoffice-Nutzung in vielen Unternehmen zwei Klassen von Arbeitnehmern schaffe: Die Privilegierten aus dem Büro, die nun auch noch bequem von zu Hause arbeiten dürfen, und diejenigen Mitarbeiter, deren Tätigkeit nur im Betrieb erfolgen könne und die ohnehin häufig mit weniger Prestige ausgestattet seien. Dies vertiefe die Spaltung der Belegschaften.

Referent Fabian Kehle in angeregter Diskussion

Fabian Kehle, Geschäftsführer bei der Mathias Meidlinger Gruppe, warnte vor einer Überregulierung der Arbeitswelt, die individuelle und damit bessere Lösungen für Unternehmen und Mitarbeiter erschwere.

Als Unternehmer bewerte ich lieber Arbeitsergebnisse als Arbeitszeiten. Auch Produktionsbetriebe mit Stempeluhren – wir sind dazu gesetzlich gezwungen, werden sich daher ändern müssen.

Fabian Kehle

Prof. Kunze bestätigte, dass nach den Zahlen des IFO-Institutes tatsächlich nur knapp die Hälfte aller Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, ihre Tätigkeit am heimischen Schreibtisch auszuüben. Hier liege in der Tat hinsichtlich des innerbetrieblichen Miteinanders eine große Herausforderung. Gleichwohl werde es zukünftig immer schwerer werden, ambitionierte Mitarbeiter zu gewinnen, ohne flexible Optionen zum mobilen Arbeiten anzubieten. Dies spiegele sich in seinen Umfragen eindeutig wider: 58% der Befragten wünschen sich die Möglichkeit zum hybriden Arbeiten, weitere 21% wollen gar ausschließlich zu Hause arbeiten. Dies zu ignorieren, würde den Unternehmen zumal in Zeiten des Fachkräftemangels substanziell schaden.

Florian Kunze präsentiert seine Homeoffice-Langzeitstudie

Ofenfrische Zahlen: Prof. Kunze stellte brandaktuelle Zahlen zu seiner Konstanzer Homeoffice-Langzeitstudie vor.

Mit diesen und anderen Erkenntnissen aus der Konstanzer Homeoffice-Studie hatte Prof. Kunze in einer kurzen Keynote zu Beginn der Veranstaltung eine beindruckende Faktenbasis geschaffen. In mittlerweile 14 Befragungswellen wurden seit Frühjahr 2020 ca. 700 Erwerbstätige in Deutschland kontinuierlich nach ihren Erfahrungen mit dem Homeoffice befragt. Sie belegen die Unumkehrbarkeit der Entwicklung ebenso wie deren Risiken.

Wer Homeoffice einführt, muss im Gegenzug im Büro „Kulturtankstellen“ einrichten, an denen die vermisste soziale Interaktion mit den Kollegen stattfindet. Sonst verliert das Unternehmen auf Dauer seine Identität.

Prof. Kunze

Referent Richard Weller in angeregter Diskussion

Richard Weller, Geschäftsführer der Alpha IC, warb erneut engagiert dafür, in eine vertrauensbasierte Unternehmenskultur zu investieren

Richard Weller, Geschäftsführer der Alpha IC in Nürnberg, entwickelt nachhaltige Führungskonzepte, die er nicht zuletzt in seinem eigenen Unternehmen dem Realitätstest unterzieht. Auch er verwies darauf, dass es zu kurz gesprungen sei, Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken, ohne grundlegend Führungskultur, Bewertungskriterien und damit verbundene Kommunikationsprozesse anzupassen. Insbesondere die Chefs stünden vielfach vor der Aufgabe, sich von einer eher auf Kontrolle ausgerichteten Mitarbeiterführung hin zu einer Vertrauenskultur weiterzuentwickeln. Nach seiner Beobachtung überfordere dies so manche Führungskraft.

Gleichwohl warb er nachdrücklich für diesen Ansatz, der – erfolgreich umgesetzt – reiche Ernte in Form motivierter und verantwortlich handelnder Mitarbeiter einbringe.

Vertrauen ist das A und O. Wenn das fehlt, können wir noch so schöne Arbeitswelten bauen – es wird nicht funktionieren.

Richard Weller

Gabriele Church von design2sense in Leipzig empfahl in diesem Zusammenhang, die individuellen Gegebenheiten der Unternehmen genau zu betrachten. Wer die DNA eines Unternehmens entschlüssele, könne Raumkonzepte und Prozesse entwickeln, in denen sich auch Mitarbeiter unterschiedlicher Bereiche wiederfänden. Grundsätzlich beeinflusse der Kontext unserer Arbeit, wie diese gelänge, und wie gut sich der Mitarbeiter dabei fühle. Zu diesem Kontext zähle auch, dass der Werker in der Produktion die gleiche Wertschätzung erfahre, wie der Projektleiter im Büro. Sie empfahl daher, dank Desksharing freiwerdende Flächen nicht einfach abzukündigen, sondern sie etwa als Teamflächen für alle zu nutzen.

Das Wissen darüber, wie ein Unternehmen am besten arbeitet, liegt – oftmals verschüttet – immer in diesem selbst. Das müssen wir freilegen, bevor man funktionierende Konzepte entwickeln kann.

Gabriele Church

Referentin Gabriele Church in angeregter Diskussion

Zwei Experten für optimale Arbeitsplatzgestaltung unter sich: Gabriele Church, Architektin der „Arbeitsweltverbesserer“ von design2sense, im offensichtlich inspirierenden Dialog mit Christian Straub, Head of Sales YOYO bei Kesseböhmer Ergonomietechnik.

Christian Straub, bei Kesseböhmer Ergonomietechnik im schwäbischen Weilheim für die Entwicklung ergonomischer Arbeitsplatzkomponenten verantwortlich, brachte einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein: Mit der massenhaften Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice seien manche Errungenschaften moderner Arbeitsplatzgestaltung zunächst verloren gegangen – statt ergonomischem Mobiliar sitzt man auf Küchenstühlen und statt optimaler Arbeitsplatzbeleuchtung dämmert Omas Nachtischlampe. Hier gäbe es massiven Nachholbedarf schon aus ökonomischen Gründen, denn ansonsten würde etwa die ohnehin schon hohe Fehlrate aufgrund von haltungsbedingten Rückenschäden sprunghaft anwachsen.

Zudem biete der Markt mittlerweile intelligente Lösungen, um die hybride Arbeitswelt in all ihren Verortungen flexibel und effizient zu managen. Diese bildeten das komplexe Geschehen von Homeoffice bis Headquarter laufend ab. Entscheidungsgrundlagen, die im Facility Management bislang häufig fehlen würden.

Die Unternehmen müssen dringend beginnen, mutig an ihren Konzepten für die hybride Arbeitswelt zu arbeiten. Tools für deren Umsetzung gibt’s genug, doch die helfen nur, wenn die eigenen Ziele klar sind.

Christian Straub

Richard Weller sieht eine Lawine heranrollen und forderte die Unternehmen zu Mut und Ausdauer auf, ihre Unternehmenskultur den Anforderungen der neuen Welt der Arbeit anzupassen. Dies würde insbesondere die junge Generation erwarten.

Christian Straub bemängelte, dass es vielen Unternehmen auch eineinhalb Jahre nach der pandemisch bedingten Umwälzung unserer Arbeitsweise noch immer an Konzepten fehle, die ihren Mitarbeitern Orientierung stiften könne. Dies wäre ein wesentlicher Baustein, die unausweichliche Transformation erfolgreich zu gestalten.

Fabian Kehle wünschte sich hierzu einen möglichst großen Gestaltungsspielraum für die Unternehmen statt regulatorischen Vorgaben des Staates. Erfolgreiche Konzepte würden nicht zuletzt am Fachkräftemarkt die notwendige Sogwirkung entfalten. Er setzte auf mutige Unternehmer.

Gabriele Church sieht Transparenz und Offenheit als Schlüssel für den Erfolg – individuell in jedem einzelnen Unternehmen.

Prof. Kunze wies darauf hin, dass die Pandemie zu Lösungen gezwungen habe, die sich viele zuvor nicht hätten vorstellen können. Dies mache deutlich, welch innovative Kraft dem mutigen Experiment innewohne. Wichtig wäre, die Prozesse etwa durch Befragungen der Mitarbeiter und Führungskräfte kontinuierlich zu evaluieren. So ließen sich Fehlentwicklungen frühzeitig abfangen und die Akzeptanz im Unternehmen für den Gesamtprozess erhalten.

Christoph Hegger leitet souverän das Webforum

Christoph Hegger, Geschäftsführer bei DART Beratende Designer, Stuttgart, leitete gewohnt souverän durch die Sendung.

Moderator Christoph Hegger verband abschließend den Dank an Referenten und Zuschauer mit der Ermunterung, den notwendigen Mut bei der Suche nach Lösungen in den Unternehmen aufzubringen. Ausdrücklicher Dank richtete er an die Sponsoren und Unterstützer des Webforums, ohne die eine Veranstaltung wie diese nicht möglich sei.

Das Webforum Hybridoffice wird unterstützt von:

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Referenten

Referent
  • Gabriele Church · Büroleitung
  • design2sense, Leipzig
Referent
  • Prof. Dr. Florian Kunze · Lehrstuhl für
    Organisational Studies
  • Universität Konstanz
Referent
  • Fabian Kehle · Geschäftsführer
  • Matthias Meidlinger Gruppe, Brackenheim
Referent
  • Richard Weller · Geschäftsführer
  • Alpha IC, Nürnberg
Referent
  • Christian Straub · Head of Sales YOYO
  • Kesseböhmer Ergonomietechnik, Weilheim
Moderator

Moderation

  • Christoph Hegger · Geschäftsführer
  • DART Beratende Designer GmbH, Stuttgart
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  • Kesseböhmer Ergonomietechnik
  • DART Beratende Designer

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